Post von einer japanischen Aktivistin gegen Smartphone­sucht

Mikan Oshidari 忍足みかん (31) aus Japan hat den Beitrag „Große Mehrheit für ein Recht auf analoges Leben“ in Übersetzung gelesen und uns daraufhin geschrieben. Sie ist eine frühere schwer Smartphone- und Social-Media-Süchtige, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, andere über die Gefahren und mentalen Kosten übermäßigen Smartphone-Gebrauchs aufzuklären und Auswege aufzuzeigen. Sie hat ein Buch über ihre Sucht geschrieben und darüber, wie sie daraus entkam und ihr soziale Bindung und mentale Gesundheit ohne Smartphone wiederfand. Die Zeitung „Asahi Shimbun“, die zweitgrößte in Japan (und der Welt) hat ihr und ihrem Anliegen einen langen Artikel gewidmet. Zwei französische Magazine interviewten sie.

Mikan berichtet dass es in Japan bisher keine Organisationen gibt, die Lobby für ein Recht auf analoges Leben machen, dass es in Japan aber auch noch nicht wirklich nötig sei. Denn dort gebe es fast überall noch analoge Zugänge per Brief, Telefon oder sogar Fax. Aber die Regierung arbeite auch dort daran, diese analogen Zugänge abzubauen. Im Folgenden ihr Brief:

Mikan Oshidari

Mein Name ist Mikan. Ich bin japanische Autorin. […] Ich bin bei meiner Recherche zur globalen digitalen Kluft auf Ihren Artikel gestoßen. Ich engagiere mich in Japan für die Aufklärung über Smartphone-Sucht und setze mich für eine digitale Auszeit und die Rückkehr zur analogen Welt ein.

Mit 19 Jahren kaufte ich mein erstes Smartphone und war etwa vier Jahre lang süchtig danach. Als ich merkte, dass es meiner Gesundheit schadete, machte ich eine digitale Auszeit und kehrte zur analogen Welt zurück. Ich habe aufgehört, mein Smartphone zu benutzen und verwende jetzt ein Klapphandy mit Tasten und einen Computer. Ich nutze keine Video- und Musikstreamingdienste mehr und sammle nun physische Medien wie CDs und DVDs.

(In Japan gibt es Videotheken und DVD-Läden, und einmal pro Woche in einen zu gehen, ist ein Hobby von mir.) Ich schreibe Notizen, Termine und Briefe handschriftlich in ein Notizbuch. Anstatt die Kamera meines Smartphones zu benutzen, habe ich mir eine Kamera gekauft, entwickle Fotos und erstelle Fotoalben. Ich lese Bücher und Zeitschriften aus Papier. Obwohl sich mittlerweile alles über Smartphones abspielt, ersetze ich sie bewusst durch analoge Dinge. Das ist zwar aufwendiger, aber ich fühle mich mit analogen Dingen wohler; es tut meiner Psyche gut.

Buch von Mikan Oshidari mit deutscher Übersetzung

Manche haben vielleicht Angst, den Kontakt zu anderen Menschen zu verlieren, wenn sie auf ein einfaches Handy umsteigen. Aber anstatt mich mit vielen Fremden in sozialen Medien anzufreunden, schreibe ich nur E-Mails und telefoniere nur mit wirklich wichtigen Freunden und meiner Familie.

Ich habe ein Buch über meine Erfahrungen geschrieben: „Ich will mich von meiner Smartphone-Sucht befreien“. Es ist auf Japanisch und Chinesisch erhältlich. In diesem Buch zeige ich die Vorteile einer digitalen Auszeit und analoger Methoden auf. In Japan wird die Smartphone-Sucht noch immer stark unterschätzt. Länder wie Schweden, Finnland und Norwegen – Länder, die schnell auf digitale Lehrbücher im Schulunterricht umgestiegen sind – kehren nun wieder zu Papierbüchern zurück. Japan plant jedoch, geduckte Bücher bis 2030 vollständig durch digitale zu ersetzen. Dies geschieht, obwohl andere Länder die negativen Auswirkungen auf Kinder erkannt haben.

Wenn ich in den Medien auftrete, um auf die Gefahren der Smartphone-Sucht aufmerksam zu machen, werde ich zudem manchmal verleumdet und beschimpft. Das ist sehr traurig und schmerzhaft. Aber weil ich selbst unter Smartphone-Sucht gelitten habe, möchte ich nicht, dass jemand anderes darunter leidet. Gerade weil ich selbst unter Smartphone-Sucht litt, weiß ich die Vorteile analoger Methoden umso mehr zu schätzen.

Deshalb engagiere ich mich in Japan, wo das Bewusstsein dafür noch gering ist. Weltweit ist Smartphone-Sucht ein ernstes Problem, das viele Menschen betrifft, Kinder wie Erwachsene.

Und was mir jetzt Sorgen bereitet, ist Folgendes: … Wie Sie in Ihrem Artikel erwähnten … führt die übermäßige Digitalisierung zur sozialen Isolation älterer Menschen und Menschen mit Behinderungen, die sich im Internet nicht wohlfühlen. Analoge Dienstleistungen sind für die Sozialfürsorge unerlässlich. Viele ältere Menschen weltweit haben damit zu kämpfen. Aber ältere Menschen, die am stärksten betroffen sind, können sich nur schwer Gehör verschaffen, und ihre Anliegen werden oft nicht wahrgenommen.

Japan ist eine überalterte Gesellschaft. Deshalb werden für Behördengänge immer noch Papier und Fax genutzt. Persönliche Beratungen und Telefongespräche sind ebenfalls möglich. Um Steuern zu bezahlen, erhält man vom Finanzamt einen Zahlungsbeleg. Mit diesem Beleg und Bargeld kann man in einem Supermarkt oder Kiosk bezahlen. Dennoch versucht Japan in letzter Zeit, diese Dienstleistungen durch Nachahmung anderer Länder einzuschränken. Dies führt zu Problemen für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. Ich denke, es wäre gut, einfache Mobiltelefone wiederzubeleben und sie Kindern und älteren Menschen zugänglich zu machen.

Für diejenigen, die eine digitale Auszeit nehmen möchten, aber beruflich nicht auf ihr Smartphone verzichten können, ist es ratsam, sowohl ein Smartphone als auch ein einfaches Mobiltelefon zu besitzen.

Heutzutage ist alles digitalisiert, aber ich glaube nicht, dass das gut ist. Digitalsucht ist ernst zu nehmen. Eine Rückkehr zum Analogen ist notwendig. In einer Welt, in der Digitales unerlässlich ist, ist ein digitaler Entzug unmöglich.