Warum ein Social-Media-Verbot keine kinderschützende Lösung ist

Gastautor Lukas zerpflückt ebenso präzise wie ausführlich die Argumentation, wonach eine Zugangssperre zu Sozialen Medien für Minderjährige diese effektiv schützen würde. Er zeigt, welche schädlichen Nebenwirkungen für die Gesamtgesellschaft damit verbunden wären und bieten zu den behandelten Aspekten Verweise auf eine Vielzahl an weiterführenden Artikeln an. Und, besonders wichtig, er zeigt eine bessere Alternative auf.

Zusammenfassung

  • Privatsphäre und Anonymität gehen verloren. Das kann gegen Cybermobbing, Dick Pics und co. helfen, aber die Folgen für die Gesellschaft und die Demokratie sind desaströs.
  • Kein digitales System ist vor Leaks und Hacks sicher. Die Frage ist nicht ob, sondern wann die Infrastruktur der EU-Wallet gehackt wird oder es aufgrund menschlicher Fehler zu massiven Datenleaks kommt.
  • Die Infrastruktur der Altersverifikation wird mit noblen Absichten aufgebaut, aber das Risiko des Missbrauchs für totalitäre Regierungen steht in keinem Verhältnis zum Nutzen. China zeigt bereits seit Jahren, was durch Digitalisierung möglich ist und noch viel erschreckender sind die Entwicklungen und Menschenrechtsverletzungen in den USA seit Beginn von Trumps zweiter Amtsperiode, die durch Software wie Palantir möglich bzw wesentlich einfacher geworden sind.
  • Eine Online-Ausweispflicht führt zur Einschränkung der Informationsfreiheit, Meinungsfreiheit und zu einer Spaltung der Gesellschaft.
  • Die von der EU geplanten technischen Umsetzung via Altersverifikationsapp, die in der EUDI Wallet integriert sein wird ist keine gute Lösung.
  • Die Ursache für die Smartphone-Sucht-Misere ist die Art und Weise, wie Plattformen gestaltet sind. Dark Patterns, Notifikations-Spam, Gamifizierung, endloses Scrollen und andere Methoden sind extrem suchtfördernd und betreffen nicht nur Kinder, sondern ebenso Volljährige und Senioren.
  • Meta gibt jährlich in der EU etwa 10 Millionen Euro für Lobbyismus aus, damit sie mit diesen Praktiken weitermachen können wie bisher und der Kinderschutz auf andere Ebenen abgewälzt wird.
  • Die Altersverifikation ist technisch sehr schwer umsetzbar und ineffektiv. Kinder können Sie leicht umgehen. In Australien sind 2/3 der Kinder-Accounts weiterhin online.
  • Es gibt bessere Lösungen, die keine Massenüberwachungs-Infrastruktur schaffen, die effektiver sind, die allen Menschen helfen und die Ursachen lösen, anstatt nur Symptome zu bekämpfen.

Bevor wir zu den Gründen kommen, weshalb das Social-Media-Verbot keine Lösung ist, sondern der Gesellschaft sogar schaden würde, brauchen wir eine Übersicht, welche Methoden zur Altersbestimmung üblicherweise herangezogen werden1:

  1. Einen Lichtbildausweis auf den Server einer Tech-Firma hochladen. Zusätzlich, je nach System, auch ein Selfie hochladen, welches mit dem Lichtbildausweis automatisiert verglichen wird.
  2. Ein Foto oder Video vom Gesicht auf den Server einer Tech-Firma hochladen und dort von einer KI beurteilen lassen.
  3. Verifikation über Bank oder Telekommunikationsprovider.
  4. Basierend auf dem Nutzerverhalten und anderen Datenpunkten wird im Hintergrund geschätzt, wie alt die Person sein könnte. Das bedeutet: ein vor acht Monaten erstellter Youtube-Kanal würde beispielsweise kaum als „alt genug“ eingestuft werden, wenn darauf hauptsächlich Tik Tok Tanzvideos und Mathe-Lernhilfen auf Grundschul-Niveau konsumiert werden.
  5. Eine staatliche App am Smartphone, die der Webseite oder dem Webdienst ein „Alters-Signal“ mitteilt. Diese Variante ist derzeit in der EU (EUDI Wallet) geplant.
  6. Eine Schnittstelle zwischen Betriebssystem (Android, iOS, Windows, Linux, …) und Webdienst. Hierbei ist im „Kern“ des Betriebssystems hinterlegt, wie alt der Nutzer ist. Der Webdienst oder das Programm können diese Information dann abfragen. Diese Lösung ist in Teilen der USA in Planung.2

Ab hier wird in diesem Beitrag dieses Konzept vorrangig korrekt benannt: „allgemeine Online-Ausweispflicht“ oder auch „Identifikationspflicht“ – denn genau das ist es . Ein Account, dessen Nutzer sich nicht ausgewiesen hat, wird entweder ganz von einer Plattform ausgeschlossen wird oder erhält nur Zugriff auf kinderfreundliche Inhalte.

Privatsphäre und Anonymität gehen verloren.

Es mag sein, dass durch den Verlust der Anonymität Cybermobbing, Dick Pics und ähnliches. weniger würden, weil potenzielle Täter sich aufgrund der Zurückverfolgbarkeit weniger oft trauen würden. Aber: Anonymität ist auch für Menschen wichtig, die keine illegalen oder anrüchigen Aktionen beabsichtigen: Whistleblower, egal ob im kleinen oder großen Stil, politische Aktivisten, Missbrauchsopfer, Journalisten, im Grunde für jeden, der auf Missstände in seiner Gemeinschaft aufmerksam machen möchte, ohne dafür schikaniert zu werden. Ebenso für Bürgerinnen und Bürger, die sie nicht mehr trauen, auf eine Demonstration zu gehen3 und stattdessen online aktiv sein wollen.

Datenschutz-Katastrophen, Leaks und Hacks

Datenschutz-Katastrophen, also Leaks und Hacks, kommen ständig vor und werden durch KI-gestützte Schadsoftware und möglicherweise sogar Quantum Computing zukünftig zu einem noch größeren Problem werden. Je sensibler die gespeicherten Daten sind, umso attraktiver sind sie für Hacker und um so gravierender sind solche Ereignisse.

Die Verursacher der Smartphone-Sucht sind große Tech-Firmen, die massiv Daten sammeln, diese missbrauchen und ihre Plattformen so gestalten, dass diese möglichst süchtig machen, aber die Lösung soll sein, dass alle Menschen noch mehr und noch sensiblere Daten von sich preisgeben müssen? Beispiele für schwerwiegende Datenlecks, von denen es bald viel mehr geben würde, wenn sensible Identitätsdaten wegen der Identifikationspflicht auf immer mehr Servern lägen:


Juni 2020 – GIS Datenleck: neun Millionen österreichische Meldedaten lagen unverschlüsselt eine Woche im Internet
Juli 2025 – Tea App: Rund 70.000 Fotos, darunter etwa 13.000 Personalausweise und Identifikations-Selfies gehackt
August 2025 – INFONIQA-Hack: 165 Gigabyte an Daten gehackt, 300 österreichische Firmen betroffen
Oktober 2025 – Discord: Mindestens 70.000 Ausweisdokumente, die im Zuge der Altersverifikation erhoben wurden, gehackt
Februar 2026 – IDMerit: über eine Milliarde Know-Your-Customer Datensätze geleakt

Würden Sie sich wohl fühlen, wenn Ihr Kind solch sensible Daten von sich preisgeben muss, nur um am digitalen Leben teilhaben zu dürfen?

Datenmissbrauch, Überwachung, Menschenrechtsverletzungen

Daten werden nicht nur von großen Tech-Firmen missbraucht, sondern auch von Behörden. China hat die totale Überwachung der Bevölkerung schon seit vielen Jahren normalisiert.4 Aber China ist China und im Westen passiert so etwas nicht. Oder doch? Die Einwanderungsbehörde ICE in den USA nutzt eine App zur Echtzeit-Gesichtskontrolle und Identifizierung, welche aus staatlichen und privaten Daten gespeist wird und nutzt Palantir-Software, um erfolgversprechende Einsätze zu koordinieren. Palantir vereint Daten aus GPS-Diensten, Online-Käufen, Social-Media-Inhalten und staatlichen Registern, um von allen Bürgerinnen und Bürgern individuelle Profile zu erstellen. Palantir wurde von Peter Thiel, einem erklärten Demokratiefeind und Freund von Jeffrey Epstein, mitgegründet. Thiel hat Verbindungen zur Verifikationsplattform Persona5, die unter anderem von Roblox, Discord, Reddit und Okta genutzt wird oder wurde. Persona führt nicht nur eine einfache Altersverifikation durch, sondern unter anderem auch 269 weitere Prüfungen im Zusammenhang mit dem US-Überwachungsapparat.6

Wollen Sie, dass Ihr Kind in einer solchen Welt lebt?

Overblocking, Zensur, Informationsfreiheit

Ausweisbasierte Altersverifizierung kann leicht zu „Overblocking“ führen, also zur Sperrung von Inhalten, Websites und Diensten, die eigentlich gar nicht im Visier von Kinderschützern gewesen sind. Wer entscheidet, welche Inhalte kindgerecht sind, und auf welcher Basis?

  • Dürfte eine Recherche-Plattform zu den Epstein-Akten nur von Menschen besucht werden, die ihr Alter nachweisen? Das würde bedeutet, dass auch ein investigativer Journalist seine Identität preisgeben müsste.
  • Fallen Selbsthilfegruppen auf Facebook zu Themen wie Pornosucht, Alkoholmissbrauch und dergleichen unter diese Form des Kinderschutzes? Schließlich enthalten solche Gruppen mit Sicherheit viele nicht jugendfreie Inhalte. Um an diesen Selbsthilfegruppen teilnehmen zu dürfen, müssten Betroffene also ihre Identität und damit ihre Betroffenheit preisgeben.
  • Im Vereinigten Königreich ist es bereits zu einer riesigen Zensur-Welle, die weit über Pornoseiten und Social Media hinausgeht, gekommen. Nach Inkrafttreten der Online Safte Bill klassifizierten digitale Plattformen fast alle Videos zu aktuellen Nachrichten (Breaking News), Kriegsberichterstattung, investigativen Journalismus, politische Proteste und Beiträge über reproduktive Gesundheit als explizit oder jugendgefährdend. Das bedeutete, dass alle davon ausgeschlossen wurden, die ihre Volljährigkeit nicht nachweisen konnten oder wollten.7
    In Australien war 2025 sogar geplant, auch Suchmaschinen in die Pflicht nehmen, das Alter der Nutzer zu prüfen. Dies ist jedoch zumindest bisher nicht umgesetzt worden.

Spaltung der Gesellschaft

Tracking, Profiling, Leaks, Hacks und der Chilling Effect sind sehr gute Gründe eine Online-Ausweispflicht abzulehnen und es wird viele Menschen geben die aufgrund dieser Ablehnung ihres Rechts auf Informationsfreiheit und Teilhabe beraubt würden. Durch den automatisierten Ausschluss von „Nichtverifizierten“ aus verschiedensten Gemeinschaften käme es zu einer Spaltung der Gesellschaft kommen. Denn, egal wie man persönlich dazu steht, ein großer Teil unseres sozialen Lebens, vor allem bei jüngeren Menschen, findet nun einmal online statt.

Die europäische Altersverifikation, EUDI Wallet

Ich habe Ihnen hoffentlich klar machen können, dass eine Online-Ausweispflicht extrem schädlich ist. Doch wir leben in Europa, und Europa plant eine datenschutzfreundliche Alternative, nämlich die EUDI Wallet. Diese soll unter anderem verschlüsselt, open source und datenarm (zero-knowledge) sein.8 Aus folgenden Gründen ist aber auch die EUDI Wallet keine gute Lösung sondern lediglich das geringere Übel unter all den anderen Verifikationsmethoden.

  • Selbst quelloffene (open-source) Programme sind nicht gegen Cyberangriffe immun. Auch die EU Wallet wird es nicht sein. Das liegt in der Natur der Sache, vor allem, da die Daten und die Infrastruktur für Hacker extrem attraktiv sind.9
  • Die EU Wallet ist (Stand 18.03.2026) nicht so datenschutzfreundlich und privatsphärenrespektierend aufgesetzt, wie oftmals beworben. Netzpolitik.org schreibt dazu prägnant: „Bürgerrechtsorganisationen warnen, dass die EU-Kommission zentrale Datenschutzgarantien aushöhlen und Nutzer:innen zur Weitergabe biometrischer Daten zwingen will.“
  • Je nach Art und Inhalt der Informations-Transaktion kann eine Verbindung mit einer (staatlichen) Zertifizierungsstelle nötig sein, um zu prüfen, ob die Daten noch aktuell sind.
    Dadurch entstehen Daten und Metadaten, die mit anderen gesammelten oder von Datenbroker gekauften Daten verknüpft werden können, um ein noch genaueres Profil („Profiling“) der Nutzer zu erstellen. Sie können sich sicher sein, dass Google, Meta, Snapchat und co jedwedes gesetzliche Schlupfloch nutzen werden, um möglichst viele Daten auf direkte oder indirekte Weise aus der Wallet-Infrastruktur zu extrahieren und dass Big Tech Firmen Lobbyarbeit in schwindelerregender Millionenhöhe dafür betreiben werden.
  • Mit jeder Kopplung eines weiteren digitalisierten Dienstes, zum Beispiel der elektronischen Patientenakte, wächst das Risiko der Zweckverschiebung:
    Eine Ausweitung der Abfragemöglichkeiten wird durch Komfort begründet. Krisensituationen – egal ob echte, absichtlich herbeigeführte oder erlogene – können Sonderzugriffe, die vorher undenkbar waren kurzfristig möglich machen. Diese Sonderzugriffe können auch verlängert werden. Langfristig können gesetzliche Änderungen Datenverarbeitungs-Beschränkungen aufweichen.
  • Die EU-Wallet würde mit ziemlicher Sicherheit die Vereinheitlichung und Verknüpfung von Verwaltungsdaten verschiedener Behörden vorantreiben. Die Absichten mögen gut sein, und Effizienz ist eine feine Sache, dies würde jedoch extrem genaue, leicht analysierbare und zentralisierte Bürgerprofile erlauben und wenn später Politiker mit weniger noblen Vorstellungen und Plänen an die Macht kommen, ist die Infrastruktur für die Massenüberwachung bereits vorhanden.
  • Apropos Effizienz: In Österreich gibt es Pläne, das allgemeine Verwaltungsverfahrensgesetz zu ändern, um den vollautomatisierten Einsatz von KI zu ermöglichen.
    In Schweden wird im Sozialhilfesystem seit mindestens 2013 massiv KI bzw Algorithmen eingesetzt. Wenn Sie an dieser Stelle „Toll, Effizienz!“ denken, empfehle ich, folgendes zu lesen.10
  • Das „Convenience-Duo“ EU Wallet und digitaler Euro wird zwangsläufig in einem Smartphone-Zwang enden. Schweden ein anschauliches Beispiel.11 Auch in Deutschland haben sich digitale Systeme, die anfänglich freiwillig waren zu einem Zwang entwickelt.12 In Österreich besteht ein de facto Zwang zur Nutzung der ID Austria.13
  • Im Zusammenhang mit diesem „Convenience-Duo“ ergibt sich folgende EU-Heuchelei:
  1. Die Entscheidung von Eltern, ihren Kindern Smartphones zu geben, basiert zurzeit auf keinem echten Zwang, sondern auf sozialem Druck und praktischen Vorteilen.14
    Wenn es darum geht, dass Kinder mit ihren Eltern und mit anderen Kindern in Kontakt bleiben können, dann reichen auch sogenannte Dumbphones. Der Digitalzwang durch das Convenience-Duo bedeutet aber, dass Eltern de facte gezwungen sein werden, ihren Kindern App-fähige Smartphones zu geben.
  2. App-fähige Smartphones sind üblicherweise herkömmliche Android- oder iOs-Geräte, also Geräte, die grob gesagt, im Software-Kern US-amerikanisch sind. Von Alternativen wie Pinephone, Murena und Fairphone mit alternativen Betriebssystemen wissen die wenigsten Menschen. Und selbst wenn, besteht das Problem, das manche Apps auf diesen Geräten nicht funktionieren. Genau hier liegt die Heuchelei bzw die Ironie: die EU will sich von US-Software emanzipieren,15 programmiert die EUDI-Wallet jedoch so, dass diese nur auf herkömmlichen Geräten von Google und Apple funktioniert.16 Google hat auf vielfältige Weise bewiesen, dass man diesem Unternehmen nicht trauen kann.17
  3. Die EU gibt sich als Institution, die Themen wie Datenschutz, Privatsphäre, Massenüberwachung und Regulierung von Big Tech Firmen sehr ernst nimmt und im Sinne der Gesellschaft handelt. Es ist jedoch genau das Gegenteil der Fall:
    • Die Abschaffung des „digitalen Briefgeheimnisses“ im Namen des Kinderschutzes durch EU Chat-Kontrolle.18
    • Schwächung der DSGVO durch den Digital Omnibus.19
    • Die meisten großen Tech-Konzerne haben ihren Sitz in Irland. Mindestens die Spitze der irischen Datenschutzbehörde ist aber von Meta-Lobbyisten unterwandert.20
    • Ursula von der Leyen, die sich für die Altersverifikation ausspricht, stoppt gleichzeitig eine Milliardenstrafe gegen Google.21

Die Ursachen bleiben bestehen

Die Online-Ausweispflicht bekämpft bestenfalls Symptome, jedoch keine der Ursachen. Das bedeutet, dass die restlichen 85% der Bevölkerung weiterhin ungeschützt bleiben.22 Selbst unter Senioren ist Smartphone-Sucht ein wachsendes Problem. An fundierten Ausarbeitungen zu den Methoden, mit denen das — oft gezielt — herbeitgeführt wird, fehlt es nicht.23

  • Apps senden gezielt Push-Benachrichtigungen, damit Nutzer die App wieder öffnen
  • Ein roter Punkt am App-Icon, der auf neue Inhalte oder Nachrichten aufmerksam macht, ganz wie bei einem E-Mail-Programm, kann nur durch scrollen entfernt werden.
  • Bei ausgeschalteten Benachrichtigungen drängeln während der App-Nutzung Popups die Nutzer, Benachrichtigungen wieder zu aktivieren
  • Gamifizierung – Streaks zählen aufeinanderfolgende Tage mit Nachrichten zwischen Nutzern oder andere Arten von Aktivitäten in der App (Punktesystem). Level und Ranglisten (mehr Aktivität bzw Bildschirmzeit = höheres Level)
  • Verändern der App-Einstellungen, zum Beispiel Reduzierung von Tracking, wird durch Popups und Overlays extrem unbequem gemacht. Man nennt das Dark Patterns.
  • Algorithmen priorisieren hoch emotionale Posts, da diese maximale Engagement-Zeit erzeugen. Likes, Kommentare und Shares lösen Dopamin-Ausschüttung aus, wie bei Glücksspiel. Diese emtionalisierenden Inhalte nennt man auch „Baits“. Zum Beispiel Ragebait, Clickbait, Commentbait, …
  • KI-gestützte Feeds führen dazu, dass für jeden einzelnen Nutzer genau die Inhalte bereit stehen, die per Dopamin-Manipulation die Bildschirmzeit am besten maximieren.
  • Pagination, also dass eine Seite nach kurzem Scrollen ein Ende hat und man für neue Inhalte die Seite manuell neu laden muss, wurde durch endloses Scrollen ersetzt. Endloses Scrollen führt dazu, dass das Gehirn kein Stopp-Signal mehr bekommt und sich deshalb viel schwerer auf andere Dinge besinnen kann. Dadurch steigt die Bildschirmzeit massiv.
  • Gamifikation, Push-Benachrichtungen, Dark Patterns, emotionalisierende und Sensationalisierende Algorithmen und co. werden aber nicht nur auf Social Media eingesetzt, sondern auch in verschiedenen anderen Apps und auf Webseiten. Um die Smartphone-Sucht in der gesamten Bevölkerung effektiv zu bekämpfen, müssen diese Methoden gesetzlich eingeschränkt werden.

Schlecht umsetzbar und ineffektiv

Abgesehen von der Tatsache, dass Altersverifikation ein unzulänglicher Lösungsansatz ist, sind diese technischen Hürden auch kinderleicht zu umgehen:

  • Gekaufte, geliehene oder von den Eltern heimlich entwendete Ausweise oder auch per Bildbearbeitung gefälschte Ausweise werden zur Verifikation genutzt.
  • VPNs werden genutzt, um der Webseite/der App vorzugaukeln, man sei in einem Land, in dem keine Ausweispflicht besteht.
  • Gesichtsanalyse wird von Deepfake-Selfies und 3D-Modellen ausgetrickst.
  • Session-Piggybacking – Kinder schauen bei Eltern oder Geschwistern mit und bekommen auch das Smartphone mit entsperrten Accounts in die Hände.
  • Ein Sechstel der Eltern unterstützt ihre Kinder, Altersbeschränkungen zu umgehen. Manche Eltern machen ihre Kinder zu Kidfluencers.
    Entsperrte bzw verifizierte Accounts können gekauft werden.

In Großbritannien haben nach neusten Studien 32% der befragten Kindern nachweislich Altersverifkation umgangen. In Australien sind sogar etwa 2/3 der Kinder-Accounts weiter auf Social Media aktiv. 24

Die große Lobbyisten-Lüge

Unter dem Vorwand von „Kinder- und Jugendschutz“ wurden in den USA gezielt Gesetzesentwürfe und Allianzen von Tech-Firmen gefördert, die strikte Alters- und Identitätsüberprüfungen in Online-Diensten vorschreiben. Das Ziel dieser Lobbyismus-Strategie ist es, die Verantwortung des Kinderschutzes auf andere Instanzen abzuwälzen um mit dem missbräuchlichen, manipulativen Verhalten beim Rest der Bevölkerung weitermachen zu können.

Dabei werden häufig gemeinnützige Gruppen oder scheinbar unabhängige „Sicherheits-Bündnisse“ genutzt, die heimlich und über Umwege von großen Plattformen finanziert werden, ohne dass deren Beteiligung der Öffentlichkeit oder selbst den Mitgliedern diesen Gruppen klar kommuniziert wird.
Diese verdeckte Finanzierung führt dazu, dass solche Initiativen als breite gesellschaftliche Bewegung wahrgenommen werden, tatsächlich aber wirtschaftlichen Interessen dienen. Meta, der Datenmissbrauchs- und Kinderausbeutungskonzern schlechthin,25 hat knapp über 26 Millionen Dollar in den Lobbyismus für Altersverifikationsgesetze gesteckt.

OpenAI (ChatGPT) hat ebenfalls Millionen Dollar investiert. Derzeit ist das Unternehmen mit mehreren Klagen konfrontiert, die Todesfälle und psychische Leiden junger Nutzer betreffen. Erstens möchte sich das Unternehmen durch Abwälzen des Kinderschutzes vor weiteren Klagen schützen, zweitens hat OpenAIs Führung Verbindungen zu genau solchen Verifikations-Dienstleistungsanbietern. Durch Altersverifikationsgesetze würde das Geschäftsumfeld des Konzerns profitieren.26

Damit wird deutlich, dass hier kein demokratischer Prozess stattfindet, sondern ein asymmetrischer Lobby-Kampf, bei dem Konzerne durch verdeckte Strukturen und viel Geld politische Ergebnisse steuern, die ihnen rechtlich und wirtschaftlich nützen. Dies findet nicht nur in den USA statt, sondern auch in Europa.27

Die echten Lösungen

Kinderschutz ist nötigt. Kinder sollen ohne Zwänge aufwachsen können, eine gute Bildung erfahren und vor allem positive Erfahrungen während ihres Heranwachsens machen. Nachfolgend also die Lösungen, die wirklich helfen, nicht nur das Leben von Kindern, sondern von allen Menschen zu verbessern.

  • Verbot des Einsatzes von suchtfördernden Methoden (oben beschrieben) durch Social-Media-Plattformen aber auch anderen Apps.
  • Verbot von Dark Patterns.
  • Content-Algorithmen müssen von Unternehmen offengelegt werden und müssen von nachweislich unabhängigen Institutionen überprüft werden. Diese Algorithmen dürfen keine Bait-Inhalte pushen.
  • Förderung von Social-Media-Plattformen, die Transparenz betonen und den Nutzern die Kontrolle darüber geben, welche Inhalte siehe sehen und mit welchen sie interagieren möchten.28
  • Bestimmte Kategorien von Apps müssen mit einer intern einprogrammierten Zeitbegrenzung ausgestattet werden, sodass Eltern sich nicht mit externen Wellbeing- oder Parental-Control-Apps beschäftigen müssen. Diese Einstellung wäre durch eine PIN oder ein Passwort geschützt, sodass sie vom Kind nicht umgangen werden kann. Sie wäre sowohl an den Account als auch an das Gerät geknüpft.
  • Smartphone-Verbot an Schulen. Dumbphones wären weiterhin erlaubt.
  • Echte digitale Kompetenz muss gefördert werden. Social Media und andere Entertainment-Apps (Youtube, Netflix) bedienen zu können, darf nicht als digitale Kompetenz missverstanden oder als solche eingeordnet werden.
    • Ausweitung und Modernisierung des EDV-Unterrichts an Schulen mit besonderem Schwerpunkt auf alternative Programme, FOSS und self-hosted Lösungen.29
    • Förderung von Beratungsstellen zu FOSS und self-hosting durch den Staat. Viele Menschen wissen nicht, wie sie sich im vermeintlichen digitalen Jungel zurecht finden können und sind auch von Online-Anleitungen überfordert (das meine ich nicht böse, es ist lediglich eine Beobachtung von mir).
    • Lehrkräfte gezielt schulen, um Cybermobbing und Gruppenzwang rund um Smartphone-Besitz und Social-Media-Nutzung in der Klassengemeinschaft früh zu erkennen. Noch besser: dafür eigene ExpertenAnekdotisch: Ich beobachte in den öffentlichen Verkehrsmitteln oft, wie nachlässige Eltern ihren Kindern, oft sind diese noch im Kinderwagen, zwecks Ruhigstellen ein Smartphone in die Hände geben. einsetzen, weil die meisten Lehrkräfte ohnehin bereits zu stark ausgelastet sind.
  • Eltern müssen wieder Eltern sein:
    • Social Media aus dem eigenen Leben verbannen zwecks Vorbildfunktion. Eltern, die weniger Zeit vor dem Bildschirm verbinden, haben mehr Zeit, ihren Kindern Werte, Ethik und echte digitale Kompetenz zu vermitteln, wodurch diese in der Online-Welt weder zu Opfern noch zu Tätern werden.
    • Vernetzung von Elterngemeinschaften. Koordiniert den Kindern Dumbphones statt Smartphones geben. Dadurch werden auch unangenehme Klassendynamiken wie digitale Ausgrenzung und digitales Mobbing reduziert.
    • Falls ein Smartphone wirklich nötig ist (Digitalzwang?), dann Parental Control Apps einrichten.
    • Konfigurieren des Heimnetzwerkes, sodass über WLAN keine Seiten wie TikTok und Instagram aufgerufen werden können und statt eines Handytarifs mit unbegrenztem Datenvolumen, einen Tarif mit maximal 10 GB Daten nehmen. Dies ist für schulische Zwecke und Kommunikation in normalem Ausmaß völlig ausreichend, stößt bei Nutzung von Social Media jedoch nach kürzester Zeit an die vertraglichen Grenzen.
  • Staatlich geförderte Mini-Kurse für Eltern zu den oben genannten Themen.
  • Staatliche Förderung von analogen Aktivitäten (Natur, Sportanlagen, Basteln, Tiere, Spielplätze, …). Je mehr Alternativen Familien zur Verfügung stehen, umso geringer wird das Bedürfnis nach Unterhaltung am Bildschirm.

Quellen und weitere Infos:

  1. Quelle 1, Quelle 2 ↩︎
  2. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4 ↩︎
  3. Siehe: Info1, Info2, Info3 ↩︎
  4. Quelle 1, Quelle 2 ↩︎
  5. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3 ↩︎
  6. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4, Quelle 5 ↩︎
  7. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4 ↩︎
  8. Quelle 1, Quelle 2 ↩︎
  9. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4, Quelle 5, Quelle 6 ↩︎
  10. Siehe Info 1, Info 2, Info 3, Info 4 ↩︎
  11. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3 ↩︎
  12. Quelle 1, Quelle 2 ↩︎
  13. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4, Quelle 5 ↩︎
  14. Quelle 1, Quelle 2 ↩︎
  15. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3 ↩︎
  16. Siehe Seite 4 ↩︎
  17. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4, Quelle 5, Quelle 6, Quelle 7, Quelle 8 ↩︎
  18. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4, Quelle 5 ↩︎
  19. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4 ↩︎
  20. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4 ↩︎
  21. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3 ↩︎
  22. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3 ↩︎
  23. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4, Quelle 5, Quelle 6, Quelle 7, Quelle 8 ↩︎
  24. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3 ↩︎
  25. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4, Quelle 5, Quelle 6, Quelle 7 ↩︎
  26. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3 ↩︎
  27. Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3, Quelle 4, Quelle 5, Quelle 6, Quelle 7, Quelle 8, Quelle 9, Quelle 10, Quelle 11 ↩︎
  28. Quelle 1, Quelle 2 ↩︎
  29. Siehe Info 1, Info 2, Info 3, Info 4 ↩︎